
| Katzer |
|
|
|
|
"Soldat Katzer zum UvD", ruft es auf dem Flur.
Katzer sitzt auf dem Klo. Die Klotür ist nicht verschließbar, damit die Soldaten nicht onanieren. Vom Waschraum her kann Katzer hören, wie Soldaten ihre Schutzanzüge reinigen und dabei lautstark von gewesenen Besäufnissen und Beischläfen träumen. Unteroffizier vom Dienst ist heute Dodendorf. Die Panzerfahrer sind entspanntere UvDs, weil sie keine Untergebenen haben, also kann Katzer sich Zeit lassen. Was auch nötig ist: Beim Waffenreinigen wird viel türkischer Kaffee konsumiert und viel geraucht (gereinigt wird nur, wenn ein "Sack" vorbeikommt), und da verträgt so ein Geschäft keine Hast... "Du sollst dich bei Major Stöver in Block 23 melden." Dodendorf lehnt gelangweilt am UvD-Tisch und grinst: "Mußt wohl wieder singen gehen." Draußen ist es naßkalt und windig, doch man kann den Frühling riechen. Eigentlich ist er lange da, es ist Ende Mai, aber der Februar will dieses Jahr wohl der längste Monat sein. Die Soldaten, die Katzer entgegenkommen, gucken verkniffen, da es sie erbärmlich friert in der befohlenen Sommeruniform. Singen gehen sagen die anderen immer, wenn er mit Stöver, dem Kulturmajor, zu tun hat. Katzer spielt Bass in der Regimentsband, aber offiziell heißt es "Singegruppe", und darum sagt auch sein Kompaniechef "Katzer muß wieder singen gehen" und meint vermutlich, daß dies etwas Lächerliches, weil Unsoldatisches, ist. Mit diesem Image hat Katzer kein Problem, solange ihm niemand dieses kleine Refugium wegnehmen will. Da er als einziger so etwas wie theoretischen Durchblick in Musik hat, ist er von Stöver zum Leiter bestimmt worden. Was natürlich kein "Posten" ist, Katzer ist ganz normaler "Sandlatscher" und geht nach Dienstschluß in den Probenraum. Sein Vorteil ist, daß ihn ein sogenannter Probenbefehl von Sonderdiensten wie Wachestehen freistellt. Theoretisch. Denn die Offiziere und der Spieß wissen, wann Stöver nicht da ist, und dann wird Katzer gezeigt, "daß er nichts Besseres ist als die anderen Genossen". Stöver zieht sich gerade um, steht in Rot-Gelb vor Katzer: "Ich finde es beschämend, wie viele Stabsoffiziere sich vor dem Offizierssport drücken", schnauft er. "Katzer, melden Sie sich bitte im Regimentsstab, Hauptmann Fichtner möchte Sie sprechen!" Katzer wundert sich. Warum schickt man ihn nicht gleich zu diesem Fichtner, und wer ist das überhaupt? Im Regimentsstab erfährt er, daß er in die oberste Etage muß. Sitzen da nicht die, die am Kontrolldurchlaß immer verstohlen ihren "Klappfix" vorzeigen, die MfS-Offiziere? Katzer hat ein ungutes Gefühl im Magen. Hauptmann Fichtner, ein etwas beleibter Mittvierziger mit rötlichem Gesicht, empfängt ihn überaus freundlich, verzichtet auf Formalitäten und Strammstehen. Selbst die "Politischen", quasi Militärseelsorger und Inquisitoren in Personalunion, sind in diesen Dingen genauer, auch Kulturmajor Stöver. Katzer darf sich setzen und rauchen, wenn er möchte. Eigentlich möchte er gar nicht, geniert sich jedoch abzulehnen. "Major Stöver hat sie zu mir geschickt", beginnt Fichtner gutgelaunt, "weil Sie die Regimentssingegruppe leiten. Ich weiß, daß er Sie für sehr fähig hält." Jetzt ist Katzer sogar ein bißchen stolz, denn allzuoft passiert es hier nicht, daß man ihn besonderer Fähigkeiten bezichtigt. "Sie haben ja kürzlich unter den Neueinberufenen drei neue Mitglieder ausgewählt. Sehen Sie, wir wollen uns da auf keinen Fall einmischen, Sie sollen sich Ihre Leute selbst aussuchen, immerhin können Sie am besten beurteilen, wer dafür geeignet ist. Es sind nur eben ein paar dabei, die wir vom MfS... auf die wir sozusagen ein wenig ein Auge haben. Haben müssen, aus verschiedenen Gründen. Verstehen Sie mich nicht falsch, Genosse Katzer, diese Leute sollen in Ihrer Gruppe bleiben, wenn sie dafür talentiert sind, wir möchten im Gegenteil verhindern, daß irgendwann mal etwas... schiefgeht und wir Maßnahmen ergreifen müßten, unter denen dann die ganze Sache leidet. Es wäre gut, wenn Sie uns helfen könnten, dem vorzubeugen." Fichtner zieht an seiner Club und sieht Katzer an, ebenso durchdringend wie aufmunternd. Katzer weicht dem Blick aus und erblickt in einer Wandnische einen Kassettenrecorder, kann aber nicht sehen, ob er läuft. "Ich bin mir sicher, daß Sie uns helfen können, ohne großes Aufsehen zu erregen." Er bläst den Rauch aus, seelenruhig, fast vergnügt. "Es muß ja niemand wissen, wissen Sie?" Fichtner blinzelt Katzer kumpelhaft zu und torpediert dessen Versuche, schnell zu denken, mit der Frage: "Sie waren mit ihrem Schulchor 1987 zweimal in der BRD, richtig?" Katzer nickt. Ja, er durfte zweimal mitfahren damals, nach Bonn und ins Saarland, er galt wohl als zuverlässiger, als er gedacht hätte. Es gab trotz straffem Zeitplan und mäßiger Bewachung einiges zu sehen, und er gab natürlich das meiste von seinem Verpflegungsgeld für Platten aus. Er war Zwölfte, und Anja Ring schon ein Jahr aus der Schule raus ... "Sehen Sie, Sie hatten das Privileg, etwas mehr von der Welt zu erleben als so mancher Ihrer Mitstreiter, und ich bin mir sicher, daß Sie klug genug sind, was Sie gesehen haben, richtig einzuordnen... Sie können sich vermutlich schon denken, welche Genossen ich im Auge habe?" "Ich... glaube schon." Katzer dehnt den Satz, um Zeit zu gewinnen. Natürlich weiß er, um wen es sich handeln dürfte. Andreas Schigala, Stabskoch im 2. Bataillon und im normalen Leben Straßenmusikant mit Vorliebe für Mittelalter und Eulenspiegelsche Streiche. Ein asoziales Element nach Staatsdiktion. Bert Wittow, ein Mann mit normalem Berufsleben, in seiner Freizeit Bluesmusiker, durch das Verfassen systemferner deutscher Texte bereits auffällig geworden. Norbert Schnoor, ein bisher augenscheinlich eher harmloser Geselle, dessen Vergehen in seinem starken kirchlichen Engagement bestehen dürfte. Soweit die drei Neuzugänge, um die es wohl hauptsächlich geht. Dann wären da noch Hendrik Staub und Jörg Rosental, die der Punkszene nahestehen, ersterer zumindest auch ein Verfasser gewagter Liedtexte. "Ja, sehen Sie, Sie wissen schon, worum es mir geht. Und wo wir einmal dabei sind, auch auf Ihrer Kompanie sind ein paar solcher Kandidaten, auf die wir gerne ein Auge hätten, um gewisse Probleme von vornherein zu vermeiden. Wir dürfen ja bei allem Verständnis nicht vergessen", hier stellt Hauptmann Fichtner schnaufend sein Koppel etwas weiter, "daß wir hier mit der Verteidigung des Friedens befaßt sind, Genosse Katzer." Christian Krug, in der Ökoszene aktiv. Soldat Richter (seinen Vornamen hat Katzer vergessen, vermutlich, weil er ihn nicht mag), irgendwelchen höheren katholischen Kreisen sehr nahe, weiß dies erstaunlicherweise auch hier zu seinem Vorteil zu nutzen, hat angeblich sogar Prozesse angedroht... "Ich meine ja nur", wendet Katzer ein, "der Krug ist ja kein Staatsfeind, er setzt sich halt für die Umwelt ein, das ist ja doch grundlegend nichts Verkehrtes... Wittow und Staub mit ihren Texten, mag sein, daß da manches unausgegoren ist, aber das sind Leute, die sich Gedanken machen, das sind doch keine... keine Umstürzler! Und Schnoor, das ist ein ganz sanfter Mensch, der würde... heißt es nicht immer, daß Kommunismus und Christentum manches gemeinsam haben... na und Schigala, ich meine..." Fichtner schmunzelt väterlich: "Genosse Katzer, ich habe nichts anderes erwartet, als daß Sie sich für Ihre Leute einsetzen! Sie dürfen mich nicht mißverstehen: Ich unterstelle niemandem, ein Staatsfeind zu sein. Aber wir beide wissen doch ganz genau, wie von gewissen Kreisen der Idealismus, manchmal auch der verblendete, junger Menschen benutzt wird... Natürlich ist nichts an Umweltschutz oder an christlicher Nächstenliebe auszusetzen, ich persönlich habe auch nichts gegen einen Staßenmusiker, solange er keine kriminellen Taten begeht. Aber, wie gesagt, wir sind hier in einer besonderen Situation, unser Kampfauftrag ist zu gewährleisten und unser guter Ruf zu wahren... Stellen Sie sich nur einmal vor, einer der Genossen fängt auf einer öffentlichen Veranstaltung Ihrer Singegruppe plötzlich an, ohne Absprache mit Ihnen einen seiner provokanten Texte vorzutragen, Sie, Katzer, sind es letzlich, der die Verantwortung dafür hat..." Sie sind fast alle da im Probenraum, unter anderem fehlt Dietrich Bruder, was ganz gut ist, denn Dietrich ist Kandidat der Partei. Katzer mag ihn sehr gern, aber er ist nicht sicher, wie weit er ihm in dieser Sache vertrauen kann. Katzer drängt es, die anderen zu informieren. Er hat eben etwas getan, wovon er nicht weiß, ob es verdammt schlau oder einfach nur saudumm war, auf jeden Fall versteht er eigentlich überhaupt nicht, wie es dazu kommen konnte. Zumal ihn sein eigener Vater vor Jahren vorgewarnt hatte. Katzer hat sich ein Schreiben diktieren lassen und eigenhändig unterschrieben, aus dem hervorgeht, daß er das Ministerium für Staatssicherheit während seiner Armeezeit freiwillig durch Informationen unterstützen wird. Er hatte, vermutlich zu recht, angenommen, daß, wenn er nein gesagt hätte, der nächste gefragt worden wäre, bei dem man dann nicht mehr wüßte, ob er nicht wirklich schnüffelt und petzt. Er hätte gern ein bißchen mehr auf Zeit gespielt, wurde dann aber zur Unterschrift gedrängt. Noch hat er das Gefühl, daß er jederzeit alles rückgängig machen kann. Auf jeden Fall hat er das dringende Bedürfnis, denen, die er bespitzeln soll, von all dem zu berichten, zumindest hier in der "Singegruppe". Auf der Kompanie wird er sich genau überlegen müssen, wem er sich offenbart, immerhin hat er sich selbstverständlich zum Stillschweigen verpflichten müssen. Staub raucht wie immer seine Karo. "Ist vielleicht gar nicht so schlecht, wenn du es offiziell machst, dann haben die das Gefühl, sie haben alles unter Kontrolle." "Und wir bekommen möglicherweise mit, wann irgendwelcher Streß bevorsteht", ergänzt Rosental. Werner, der einzige Unteroffizier in der Runde, ist Feuer und Flamme: "Wir können uns doch jede Woche irgendwelche Berichte für dich ausdenken", schlägt er vor. "Das wird total lustig, ein bißchen James Bond spielen, wunderbar gegen die ewige Langeweile hier." "Eben, vor allem, wenn man noch 600 Tage hat", stichelt Wittow. "Und wenn die wissen wollen, was Hendrik für subversive Texte schreibt, dann schreiben wir denen eben ab und zu ein paar schöne Pseudo-Texte", schlägt Rosental vor. Hendrik Staub fallen sofort ein paar passende Zeilen ein, alle biegen sich vor Lachen. "Die wollen sowieso einen haben, wenn du es nicht machst, muß der nächste hin, oder die schmeißen ihre Kandidaten hier raus", spricht Schnoor aus, was Katzer zu seiner eigenen Rechtfertigung die ganze Zeit zwischen den Hirnzellen hin und her bewegt. Damit ist das Thema beendet, und man ergötzt sich an den guten Dingen, die Schigala aus der Offiziersküche beiseite geschafft hat. Einige Tage später ist Katzer UvD-Gehilfe im Regimentsstab (Stöver war mal wieder nicht da), was bedeutet, daß er dem Offizier vom Dienst den Laufburschen machen muß, und das ist heute zu allem Unglück sein eigener Kompaniechef, Oberleutnant Gabrowski. Dieser ist ihm nicht sonderlich gewogen, seit Katzer vor anderen Soldaten dessen schiefen Gang überzeugend imitierte, als Gabrowski gerade von der gegenüberliegenden Seite den Kompanieflur betrat. Es ist nicht viel los, seit Katzer dem Oberleutnant das Mittagessen rantragen durfte. Meist schreibt Katzer in solchen Stunden seine Post, heute so was Ähnliches, quasi einen fiktiven Brief... Anja Ring, eine Klasse über ihm, hatte seine ganze Oberschulzeit über sein Innenleben sehr beschäftigt. Zum Schluß waren sie gute Freunde gewesen, aber alles weitere wollte irgendwie nicht gelingen. Wenn er Anja schreibt, kann er freilich nur einen Bruchteil dessen zu Papier bringen, was er denkt, wenn er an sie denkt. Daher schreibt er machmal solche Briefe, in denen steht, was er alles gern mit ihr anstellen würde, soweit das seine Vorstellung hergibt, allzuviel Derartiges hat in seinem 19jährigen Leben nämlich noch nicht stattgefunden. Immerhin kann man so seine erotische Fantasie ein wenig vor der Verkümmerung bewahren, die bei monatelangem ununterbrochenen Kasernenleben unausweichlich droht. Natürlich würde er sowas nie abschicken, aber es tut gut, die Elaborate ab und zu selbst zu lesen, ganz zu schweigen vom Kick, den das Ausdenken und Aufschreiben hervorruft... "Na Katzer, ein Liebesbrief fürs Mäuschen?!" wird er jäh aus der Vorstellung, sich in allen ihm bekannten Varianten in und über Anja Ring zu ergießen, herausgerissen. Grabowski hält den Brief in der Hand und grinst. Katzer wird knallrot. Grabowski tut, als würde er lesen, pfeift durch die gelblichen Zähne und gibt Katzer den Brief wieder. "Wolln mal nicht so sein, hähä... Katzer, sehn Sie mal nach, ob im Außenrevier Kippen liegen, der Kommandeur kommt in ner Viertelstunde..." Katzer hat ein paar Flaschen Braunen reingebracht, von einem Auftritt mit der Band. Eigentlich hat er es immer möglichst vermieden, um sein Refugium nicht aufs Spiel zu setzen, aber die "Genossen" auf der Stube hatten ein bißchen gedrängelt, und er will keinen Neid, weil er öfter raus kann als die anderen. Vier von ihnen sitzen noch, schon ordentlich blau, die anderen schnarchen bereits. Katzer liegt seine Stasigeschichte auf der Seele, der Braune löst die Zunge, er erzählt davon. Eddi Bitter, konkurrenzlos der geistige Tiefflieger der Stube, wenn nicht der ganzen Kompanie, kommentiert das Gehörte mit irgendwelcher völlig unpassenden Grütze. Katzer ist sauer auf sich selbst, daß er in Gegenwart dieser Flachzange ausgepackt hat, wer weiß, wem der es wie weitererzählt... Erstmals kommt ihm der Gedanke, daß er sich in etwas begeben haben könnte, dem er nicht gewachsen ist. Tags darauf hat er Post von seinen Eltern. Nächstes Wochenende will er heimfahren, Kurzurlaub. Als an der frischen Luft auf dem Weg zum Schießplatz sein Kater verfliegt, beschließt er, daß er sich bis zum Urlaub das Problem vom Hals geschafft haben muß. Hauptmann Fichtner ist sichtlich begeistert, daß Katzer schon zum dritten Termin aus eigenem Antrieb kommt, wittert Neuigkeiten. Als Katzer ihm eröffnet, daß er es sich doch anders überlegt hat (als offizielle Begründung hat er sich ausgedacht, daß er sich nicht zutraut, das vor den anderen geheimzuhalten, was letztlich ja nicht mal gelogen ist), gefriert dem Hauptmann das Lächeln. Er knurrt Dinge wie: weniger Ehre im Leib als ein Hilfsarbeiter, nie wieder ins westliche Ausland reisen dürfen, kontrollieren, ob Katzer niemandem was erzählt, nein, das Schriftstück bekommt er natürlich nicht wieder, das (süßsaures Lächeln) gibt's bei keinem Geheimdienst der Welt; dann ist Katzer entlassen. Katzer kann regelrecht spüren, wie ihm der Riesenbolide zentimeterweise vom Herz rutscht. Der kleine Stolz, noch so gut rausgekommen zu sein, überdeckt sogar weitgehend die Scham, sich überhaupt eingelassen zu haben. Manchmal scheint auch über der Kaserne Stern-Buchholz eine so gnädige Frühlingssonne, daß man heulend die Welt umarmen könnte... Als die nächste Ladung Goldsiegel Spezial angestochen wird, schießt sich Katzer derart die Lichter aus, daß er, was in seinem Leben einmalig bleiben wird, seine Bettwäsche vollkotzt, und daß die Spatzen sich noch am nächsten Nachmittag, wenn Katzer wieder halbwegs bei Sinnen ist, an seinem alkoholgetränkten Auswurf auf dem Fensterbrett des Waschraums laben werden... Katzer erwacht mit unangenehmem Geschmack im Mund, seine linke Stirnhälfte schmerzt und die rechte Hand ist taub, weil er drauf gelegen hat. Er richtet sich auf und schaut auf den Wecker. Halb elf schon. Um zehn hatte er Termin im Arbeitsamt. Was solls, kommt er eben wieder mal zu spät. Cola-Weinbrand kurz vorm Schlafengehen scheint ihm schlecht zu bekommen (ist aber effektiver als Bier), er wacht meist mit Kopfschmerzen auf und erinnert sich dunkel an unangenehme Träume. Diesmal war wohl mal wieder die leidige alte Stasi-Geschichte bei der Armee dran. Warum er von dem Mist immer wieder träumt, fragt er sich, erstens hat er letztlich ja wirklich nichts gemacht, zweitens ist es über zehn Jahre her, und außerdem, es interessiert kein Schwein, wenn man eh keine Arbeit hat. Katzer quält sich raus (Ich bin ein Optimist, es wird ein guter Tag...), schaltet den Fernseher an und geht ins Bad, läßt die Türe offen. Beim Zähneputzen hört er Auszüge aus der Talkshow zum Thema "Mein Freund onaniert". Rasieren fällt aus, weil Kopfschmerzen. Duschen dito, zu anstrengend. Beim Anziehen (kurz weitergezappt) ein neues Selbstmordattentat in Tel Aviv, die bluttriefenden Bilder entgehen ihm, da er gerade kopfschonend langsam den Pullover überstreift. Beim löslichen Kaffee (Küche, im Stehen) bruchstückhafte Informationen über das umwerfend neue Sheba für die gelangweilte Gourmet-Katze. Kaffee schmeckt scheiße, stehenlassen. Jacke über, besser zu spät auf dem Amt als gar nicht. Man läßt sich ja schließlich nicht gehen. Fernseher vergessen auszuschalten, egal, jetzt schließt er nicht nochmal auf! Während Katzer bleichen Stoppelgesichts, augenberingt, das Haus verläßt und noch nicht weiß, daß ihm heute eine Arbeitsbeamte, die ihn an seine Kindergartentante erinnert, widerwillig aufgrund seines Aufzugs, eine Arbeit anbieten wird, die er annehmen und nach zehn Tagen wieder hinschmeißen wird, spricht auf dem Bildschirm der heimgekehrte Sohn, Mirko Wosinski, ex- und wieder- Moderator im Öffentlich-Rechtlichen, gestolpert über seine umfangreiche IM-Tätigkeit zu Armeezeiten, doch, oh Wunder, in Gnaden wieder aufgenommen, um den finanziellen Schaden zu begrenzen, und er strahlt und bedankt sich, der Mirko, er habe immer für differenzierte Beurteilung plädiert und auch nur das Beste gewollt, natürlich niemandem geschadet; nun haben sie ihn wieder, die Schwiegermütter dieser Nation... Katzer wird es im Arbeitsamt lesen, beim Warten (Strafe muß sein), in einer liegengebliebenen, fettfleckigen BILD-Zeitung. |