
| Hin und zurück und raus |
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Es ist Ende Januar, wie jedes Jahr rückt der Abgabetermin für den Literaturpreis so nahe, dass ich nicht umhin komme, mir ein paar Gedanken zu machen um eine Kurzgeschichte. Ich bin absoluter Amateur, was Literatur angeht, aber ich schreibe gern. (Ein Todesurteil!! yz) Viel zu selten allerdings, und so ein fester Termin ist ein guter Anlass, mal etwas zuende zu bringen. Leider hab ich eben gar keine Schreibroutine, zwar immer ein paar Ideen, aber wie fange ich an? Mache ich ein Konzept, eine Personenaufstellung, fange ich mit dem Ende an... oder schreibe ich einfach drauflos, mal sehen, was passiert? Fast bin ich geneigt, einfach loszulegen mit: "Es ist Ende Januar, genau wie jedes Jahr rückt der Abgabetermin für den Literaturpreis so nahe, dass..." Dann denke ich aber, dass das ein selten blöder Anfang ist, ich muss keinen mit der Nase drauf stoßen, dass ich nicht weiß wie's geht.
Vielleicht kann ich die Situation benutzen und mich selbst außen vorlassen (darf meinen Namen eh nicht nennen), wenn ich Glück hab, machen die Figuren irgendwann von allein weiter. Albrecht legt das Handy weg, steht auf und macht sich einen Kaffee. Scheißwinter in Deutschland, man ist ständig müde, schlaff und depressiv. Anderswo gibt es Schnee und Wintersonne, hier denkt man an manchen Tagen, es ist noch gar nicht hell geworden, da ist es schon wieder Abend. An solchen Tagen kann Albrecht sich kaum länger als eine Viertelstunde auf seine Arbeit konzentrieren, dann diffundieren die Gedanken, meist greift er zum Handy und spielt eine Partie Stack Attack. Oder auch zwei oder drei, wenn es schlecht läuft. Immerhin gilt es, den Highscore von 1916 Punkten zu toppen; so knapp vor der 2000 hatte
ihn in der Silvesternacht doch noch eine Kiste zerschmettert, weil das hinterhältige Programm zwei kurz hintereinander in seine schon bedrohlich enge Klamm geworfen hatte... Manchmal wünscht sich Albrecht, einen Job zu haben, den man einfach abarbeiten kann, auch an solchen Tagen; über den man einfach nur ein bisschen mehr als gewöhnlich meckert, und gut! Aber Albrecht ist Schriftsteller, und er darf nicht meckern, denn er hat immerhin erreicht, was sich viele, die besser sind, wünschen, nämlich vom Schreiben zu leben. Er schreibt Zeitungskolumnen und ähnliches, manchmal auch Auftragsarbeiten wie Jubiläumsverse oder Trauerreden, und er hat schon etliche Kurzgeschichten verkauft, abgedruckt in Zeitschriften oder auch in kleinen Büchlein. Natürlich arbeitet er auch an seinem Romandebüt, aber die Arbeit daran kommt nicht voran, entweder hat er zuviel anderes zu tun, oder er hat Zeit, aber weder Inspiration noch wirklich Lust und ist im Herzen überzeugt, dass niemand auf der Welt diesen Roman braucht. Albrecht schüttelt sich von der Bitterkeit des Kaffees, munterer fühlt er sich nicht. In wenigen Tagen ist eine Kurzgeschichte abzuliefern für ein sogenanntes kultiviertes Männermagazin. Sie soll locker daherkommen, dezent Erotik versprühen (nicht zuviel, das können andere Kollegen besser) und ein wenig sonniges Feeling in die Herzen ähnlich mißgestimmter männlicher Mitbürger bringen. Alles Dinge, die ihm momentan äußerst fern liegen. Albrecht klickt auf "Neues Dokument". Schriftsteller schreiben gern über Schriftsteller, ist ihm aufgefallen. Kein Wunder, das spart Recherchen und Imaginationskraft. Er beschließt, seine eigene Situation zum Ausgangspunkt zu machen, vielleicht gelingt es ja seinem alter ego, aus dem Trübsinn auszubrechen. "Who's the weekest now/ I'm already gone..." Brunberg schmeißt die CD wieder raus, auch Devin Townsend bringt ihn heute nicht auf bessere Gedanken; was heißt bessere - auch schlechte Gedanken wären willkommen, wenn nur überhaupt verwendbare Gedanken. Es ist später Vormittag, will sagen drei Uhr nachmittags, und Brunberg hat schon Talkshows, Tierfilme, Gerichtssendungen und Tagesschau durchgezappt, in der Tageszeitung sowie in Büchern von Konsalik bis Krausser ziellos geblättert und angewidert zwei Whisky runtergewürgt, alles in der vergeblichen Hoffnung, irgendeinen Anstoß zu bekommen. Wie hat er immer über das Wort Schreibblockade geschmunzelt, so was haben doch nur Psychopathen, kann sein, man tritt am nächsten Tag alles in die Tonne, aber weitermachen, das kann man doch immer erst mal, selbst mit 39 Fieber, und irgendetwas Brauchbares bleibt in jedem Fall übrig.
Nun hat er eine Woche Urlaub hinter sich, herrlich gedankenfrei in der Sonne Korsikas gelegen, im Hafen von Bastia Fischmenüs verspeist mit der Vorstellung im Hirn, wie wunderbar erholt er sich zuhause an das neue Buch machen wird, der ganze Rummel um die letzte Veröffentlichung hatte ihn leergebrannt... und nun sitzt er schon den dritten Tag in seinem deutschen Arbeitszimmer, und aller Elan ist verflogen. Wenn statt all der schönen Worte ein paar Tausender mehr rübergekommen wären, hätte er noch einen Monat Urlaub dranhängen können und dort schreiben... Brunberg greift sich eine Jacke und verlässt die Wohnung. Es ist zwar noch Sommer, aber welche Rolle spielt das in Deutschland? Wahrscheinlich büßen wir das Tausendjährige Reich mit dem Wetter ab! Brunberg geht schnell, am liebsten würde er rennen, aber er mag jetzt keine Aufmerksamkeit. Nicht, dass Spazieren gehen helfen könnte, eine Schreibblockade ist kein einfacher Kater, aber das Rumsitzen war nicht mehr zu ertragen. Mitten auf der Stallbaumstraße liegt ein verlorenes Handy. Brunberg bleibt kurz stehen. Nein, nicht ich, nicht heute, denkt er und geht zügig weiter. Er dreht seine Runde vorbei am schmucken Schlösschen, das erst aufwändig restauriert wurde, um dann zur Bewirtschaftung allen zu teuer zu sein, hoch in Richtung Arkaden. Die große Kreuzung ist ihm unsympathisch, so biegt er instinktiv in die Gothaer Straße ein. Neben ihm bremst rasant ein schwarzer BMW, im gleichen Moment verlässt ein großer Mann im dunklen Mantel den Hauseingang vor ihm, der Mann blickt erst nach beiden Seiten und geht dann hastig davon, während der BMW-Fahrer, ein sonnenstudiogebräuntes Muskelpaket, gelassen ebendort eintritt. Brunberg realisiert, dass er sich direkt vor dem kleinen Stadtteil-Puff befindet, dessen Nachtbar er immer schon gern mal aufgesucht hätte, um vielleicht eine Geschichte aufzuspüren, aber die Vorstellung war ihm doch irgendwie peinlich. Irritiert bleibt er stehen... dann geht er fast so schnell weiter wie der Mann mit dem dunklen Mantel. Das unwillkürliche Fortspinnen von Situationen... eigentlich ist es eine alte Idee, aber das war der entscheidende Anstoß. Und während der Mantelmann wenig später daheim seinen Kindern bei den Hausaufgaben hilft, sitzt Brunberg mit glühendem Gesicht vorm Laptop... Der Conny kommt heim von der Arbeit. Ein letzter Blick zurück, niemand auf der Straße. Eigentlich überflüssig, aber besser ist es. Jetzt kann er die blöden Handschuhe ausziehen, an seiner Türklinke dürfen seine Fingerabdrücke sein, und zwar nur seine! Er zieht den Mantel aus, hat große Lust auf ein heißes Bad, war kein einfacher Job heute, aber der Conny ist ein Profi, darum wäscht er erst mal gründlich das Messer ab und bringt es wieder in seine kleine Holzwerkststatt im Keller, wo niemand solch einem Messer etwas Böses zutraut. Es hat auch nichts Böses getan. Es hat gearbeitet, und nun muss es sich ausruhen. Morgen wird ein harter Tag...
Jetzt kann der Conny in die Wanne sinken und sich entspannen. Er legt sich das "Mensch"-Album von Grönemeyer auf. Viele denken, man würde Rammstein hören oder Slipknot, wenn man getötet hat. Aber es gibt doch auch ein Leben außerhalb der Arbeit! Manchmal, wenn es besonders schwer war, legt sich der Conny sogar Joan Baez oder Mozart auf. Wie neulich, als er diesen dicken, schwerreichen Alten erledigen musste und vor lauter Fett ewig keine Schlagader traf. Was hatte der gewinselt und ihm Unmengen Geld angeboten, der Conny hätte heulen können, weil er einen so schlechten Deal gemacht hatte, aber ein Ehrenmann und Profi steht zu seinem Vertrag. "Du hast jeden Raum mit Sonne geflutet..." Ist das schön, so ein zufriedener Feierabend, das warme Wasser und dieses melancholische Lied machen ihm eine Gänsehaut. Die Kleine, die er vorhin erledigt hat, hatte ihren Raum eher mit Rotlicht geflutet. War bestimmt auch ein nettes Mädchen, nur offenbar unglaublich naiv. Hatte erst in einem großen Bordell gearbeitet, dann in einer angemieteten "Dienstwohnung" weiter für Mambo, ihren alten Chef. Hatte irgendwann ihre Schulden abbezahlt und wollte angeblich aussteigen, machte aber heimlich auf eigene Faust weiter, und das auch noch im gleichen Stadtviertel, also ihrem alten Revier. Mambo hatte sie mehrfach verwarnen lassen, einmal hatte sie sogar ein bezahlter Russe blutiggeprügelt, aber sie hatte einfach eine andere Wohnung genommen und meinte, nun sei alles gut. Da sie nicht der einzige Fall war, wollte Mambo ein Zeichen setzen und rief den Conny an. Der Conny machte einen moderaten Preis, weil er Mambo noch einen Gefallen schuldete. Nach dem Bad macht sich der Conny ein Bier auf und holt sein Buch aus dem Versteck. Dieses Versteck ist so geheim, daß wir es hier auch nicht verraten können, denn wenn dieses Buch mal jemand finden sollte, dann kann der Conny sein Testament machen. Denn dann wird er nicht nur für immer in den Kahn gehen, da drin werden die gedungenen Freunde von all den Mambos dieser Welt ihn qualvoll verrecken lassen, da auch diese in Connys Buch vorkommen, und nicht zu knapp. Trotzdem ist es nötig, in dieses Buch zu schreiben, wenn man nicht schlecht träumen will nach der Arbeit. Ist es aufgeschrieben, ist es Vergangenheit, ist es Geschichte, es ist einem abgenommen wurden vom Weltgeist, welcher kein Gott ist und darum nicht bewertet, nur bewahrt. Der Conny schreibt: Harter Tag heute, bin froh, dass es vorbei ist. Mambo hatte gedrängelt, ich solle hinmachen. Also habe ich Dora angerufen, einen Termin ausgemacht. Kam hin, klingelte vergeblich, war noch irgendein Typ drin, sehr unprofessionell! Ging noch auf ein Bier in den "Pferdekopf", dann probierte ich es wieder, und sie machte auf. Hübsches Mädel um die dreißig, etwas mager, aber irgendwie süß, schade drum. Ihre Bude ist ziemlich versifft, scheint nicht so toll zu laufen mit ihrer Scheinselbständigkeit. Ich gebe ihr das Geld für eine halbe Stunde, man soll nicht an der falschen Stelle sparen. Sie geht ins Bad, sich frisch machen, ich ziehe nur den Mantel und den Pullover aus. Das ganze Ritual, das sich Mambo vorgestellt hat, finde ich widerwärtig und zudem unangemessen. Er wollte, dass ich sie beim Ficken aufschlitze, und zwar so, dass sie nicht gleich tot ist und vor Angst halb wahnsinnig wird, ehe es zuende geht. Was soll der Quatsch? Sie ist nur ein bisschen dumm und hat sonst keinem was getan, hat nicht mal mehr Schulden bei ihm.
Sie kommt nackt aus dem Bad und lächelt müde, mit einer schnellen Bewegung werfe ich sie aufs Bett und schneide ihr sauber die Kehle durch, sie hat nicht gelitten, Gott ist mein Zeuge! Aber Mambo soll sein Blutbad haben, er wird in der Zeitung danach suchen, also schneide ich noch ein bisschen wahllos an ihr herum, steche in ihr linkes Auge, dann ist es aber wirklich gut, Freundschaftsdienst hin oder her! Dass ich mich dabei nicht besudle, versteht sich von selbst, bin schließlich nicht irgendein psychopathischer Triebtäter. Ich sehe mich ein wenig um. Da liegt ihr Handy, auf Kurzwahl die Nummer des Bodybuilders, den sie anklingeln wollte, wenn es Ärger gibt. Ich schreibe sie auf, Mambo will sie haben. Vielleicht bringt das gleich einen Folgeauftrag. Nach dem Geld suche ich nur kurz und lustlos, keine überflüssigen Risiken, viel wird es eh nicht sein, außerdem soll in der Zeitung nichts von Raubmord stehen, damit das Signal an die Kolleginnen klar formuliert ist. In ihrem Schrank sehe ich neben allerhand Kosmetika und Kondomvorräten ein handbeschriftetes Buch. Das werde ich mitnehmen, es könnte Mambo interessieren, vielleicht rundet er dafür die doch recht eckige Summe etwas auf. Ich habe noch Zeit, schließlich ist eine halbe Stunde bezahlt, und keiner soll mich für einen Schnellspritzer halten. Ich setze mich in einen Sessel - aufs Bett fände ich jetzt doch etwas pietätlos - und blättere in dem Buch, das sich als Tagebuch entpuppt, in das verschiedene Zettel, Bilder und Blätter eingeklebt sind. Freitag, 26.4.02
Bin erst um elf aus dem Bett gekommen. War dann noch in der Stadt, ein paar Sachen einkaufen und neue Visitenkarten drucken und ein bisschen im Café rumsitzen. In der Anzeige steht zwar, dass ich ab 12 Uhr da bin, aber vor drei, vier Uhr kommt eh fast nie wer. Jetzt bin ich wieder hier und langweile mich. Seit ich hier Kabel habe, ist die Langeweile eher noch schlimmer geworden. Aber Lesen macht irgendwie keinen Spaß, wenn jeden Moment wer klingeln kann. - Erster Gast vorbei, dieser Bautyp. Ging schnell wie immer, also ok. Redet kein dummes Zeug, riecht nicht nach altem Schweiß. Außerdem verlässlich, kommt fast immer einmal die Woche, meist Freitag Nachmittag. Hab ihn neulich witzigerweise beim Einkaufen getroffen, mit seiner Frau. - Schreiben geht schon gar nicht, außer ein bisschen Tagebuch. Nur abends, nach der Arbeit. Aber ich mach es trotzdem wahr, ich werde Bücher schreiben, das war schon immer mein Traum, und jetzt, wo ich dieses miese Arschloch Mambo los bin, ist der Traum nähergerückt. Wenn man die drei Typen, die an manchen Tagen nur kommen, auf zwei Stunden zusammenlegen könnte, hätte man richtig gut Zeit... Jedenfalls habe ich schon mehr erlebt, über das ich schreiben kann, als all diese sogenannten Fräuleinwunder der Literatur, und mir fällt auch alles mögliche andere ein, das weder ich noch sonst irgendwer erlebt hat. Vor drei Tagen habe ich nachts eine lustige kleine Geschichte in den PC getippt, ich war etwas betrunken, und so ist sie auch ein wenig wirr geworden, hab sie gestern noch mal durchgelesen und wusste nicht, wie ich sie finden soll. Hab sie mal ausgedruckt und klebe sie hier rein, dann geht sie mir nicht verloren. Monströse Idylle
Ein dicker Spatz saß auf der Dachrinne und tschilpte. Aber der Geschirrspüler war kaputt. (Er war gar nicht wirklich kaputt, nur die Klappe war nicht richtig zu.) "Aber der Geschirrspüler ist kaputt!" sagten sie vorwurfsvoll zum Spatzen. Der tschilpte weiter. Spatzen interessieren sich nicht für Haushaltsgeräte, nur für die Krümel, die danebenliegen. Da kamen Leute mit Feuerwehrautos und wollten den Spatzen fangen oder evakuieren (die Befehlslage war nicht eindeutig). Es begab sich aber etwas zu der Zeit, mit dem niemand gerechnet hatte: Der Spatz flog weg.
Er flog auf eine Wiese, die dort früher nicht gewesen war, auf der stand der Bechsteinflügel von Glenn Gould (ohne Glenn Gould), und auf dem Bechsteinflügel saßen zwei Rosenköpfchen (das sind Zwergpapageien), die aber nicht wussten, dass es der Flügel von Glenn Gould war. Sie waren von zuhause weggeflogen, weil sie nicht länger Ziervögel sein wollten. Zumindest war das ihre offizielle Erklärung, in Wirklichkeit hatte ihre Besitzerin nur das Fenster nicht richtig zugemacht, und sie waren raus und fanden den Weg zurück nicht. Die drei Vögel sprangen ins Innere des Flügels und zupften und rupften mit ihren Schnäbeln und Krallen an den Saiten. Da kam ein Kompositionsprofessor vorbei und war ganz entzückt über diesen neuen Klangeffekt, er wollte seine Studenten holen, damit sie es hörten und Stücke für drei Vögel an einem Flügel schrieben. Aber die BILD-Zeitung hatte wie immer zuerst Wind von der Sache bekommen, und so hatte, als der Professor wiederkam, schon ein Zirkusdirektor die Vögel eingefangen, um sie mit auf Amerika-Tournee zu nehmen. "Der Geschirrspüler ist doch nicht kaputt!" jubilierte eine Stimme, doch der Spatz konnte sie nicht mehr hören, und es wäre ihm auch egal gewesen. Wo hab ich denn nur die andere Seite? Ich hatte doch alles ausgedruckt! Naja, vielleicht ist das ja eh nicht das Debüt, das mir alle Türen öffnen wird.
Nein, vermutlich nicht, dazu ist es jetzt wohl zu spät. Es sei denn, Mambo entschließt sich, sie zu veröffentlichen, dann aber nur unter seinem Namen. Würde sie gern, der Vollständigkeit halber, wiederum in mein Tagebuch kleben, aber da wäre Mambo sicher sauer.
Der Conny holt sich noch ein Bier. So was wird er in Zukunft nicht mehr tun: im Tagebuch eines Auftrags lesen, das erschwert es zu sehr, innere Distanz zu wahren. Es wird noch soweit kommen, dass er sich Vorwürfe macht!
Brunberg lehnt sich zurück. Er muss kurz Pause machen, jetzt fällt ihm fast zuviel auf einmal ein, an jeder markanten Stelle sieht er schon verschiedene Verzweigungen für die Zukunft seiner Geschichte, so dass es ihm schwer fällt, dranzubleiben. Er zündet sich eine Zigarette an, nimmt ein Schmierblatt und notiert erst mal ein paar grobe Ideen, die Hälfte von dem, was ihm durchs Hirn geflattert war, ist natürlich schon wieder weg, macht nichts, es bleibt genug übrig.
Genauso werde ich es auch machen! sagt sich Albrecht und zündet sich ebenfalls eine Zigarette an. Ebenfalls ist gut, schmunzelt er, als gäbe es diesen Brunberg wirklich! Der Kaffee ist ein bisschen kalt geworden, er wärmt ihn in der Mikrowelle auf, wie eine alte Geschichte.
Ich muss kurz Pause machen und mir die Beine vertreten. Auf dem gelben Zettel steht, es muss eine Kurzgeschichte oder Short Story sein. Was ist da überhaupt der Unterschied? Ist das, was ich da mache, überhaupt sowas? Vielleicht hätte ich mal irgendwo nachlesen sollen, ob es da definierte Regeln gibt. Am Ende sortieren sie mich gleich aus, weil die Regeln missachtet habe. Na egal, dann verschenke ich die Geschichte zu Weihnachten. Obwohl, das ist noch lange hin, bis dahin gefällt sie mir bestimmt nicht mehr.
Am besten, ich mache mir jetzt keine Gedanken, für die es eh zu spät ist, sondern schreibe einfach weiter. Aufgewärmter Kaffee schmeckt ähnlich fade wie kalter. Egal. Albrecht nimmt sein Schmierblatt, schreibt kreuz und quer ein paar Sätze und Stichpunkte darauf und verbindet sie mit Pfeilen...
...irgendwann bricht Brunberg ab, es ist kaum noch ein System zu erkennen auf dem Blatt. Zwei Dimensionen sind eindeutig zu wenig, um eine komplexe Handlung grafisch zu skizzieren. Er setzt sich an seinen Laptop und nimmt den Faden wieder auf.
Der Conny bekommt Hunger. Ein gutes Zeichen - er hat sich nichts vorzuwerfen. Wenn er hier fertig ist, wird er sich eine große Pizza holen und dann sehen, was im Fernsehen läuft. Pizza bringen lassen ist nicht - niemand soll unnötig mit seinem Namen und seiner Adresse konfrontiert werden.
Die kleine Dora - oder wie immer sie in Wirklichkeit hieß. Hatte geglaubt, dem Ganzen entfliehen zu können. Ich weiß besser als sonst irgendeiner, dass man das nie kann. Ich hab auch keine Lust, ewig so weiterzumachen, aber einfach aussteigen, das Geld nehmen und irgendwo neu anfangen? Vergiss es, die Mambos finden mich überall, ich weiß zuviel. Und selbst wenn die alle im Knast säßen, wären immer noch genug da, die nachrücken und wieder bei mir anrufen... Das Spiel hört nie auf, bis die Sonne explodiert.
Aber es ist egal, es ist ja eigentlich erst mal nur für mich. Auf keinen Fall werde ich mit irgendeinem Liebeskram debütieren. Ich weiß besser als sonst irgendjemand, dass das nur ein Spiel ist um Macht und Geld. Und auf den Huren-Lebensbericht habe ich schon gar keinen Bock. Schon eher was über solche finsteren Typen wie Mambo. Der würde vielleicht sogar wen umbringen, der ihm im Wege steht. Ach, hier ist ja die andere Seite...
In Amerika sind die Geschirrspüler immer ganz, sie laufen auch fast ständig, damit sich die Klimaanlagen nicht so einsam fühlen. Der Zirkusdirektor wird bei Präsident Bush jr. zu einer Privatvorstellung geladen. Das weiße Haus ist ganz leer, die anderen spielen alle Krieg, nur Monica Lewinsky ist da und räumt den Geschirrspüler aus, in dem sie auch ihr blaues Cocktailkleid gewaschen hat. Der angebliche Spermafleck ist immer noch da (in Wirklichkeit hatte ihr ein Spatz draufgekackt - nein, nicht der, ein amerikanischer Spatz). Der Präsident verurteilt sie in geistiger Abwesenheit zum Tode durch Abwaschen. Als letzten Wunsch verordnet er ihr eine Vorstellung des Zirkus, in dem die drei klavierspielenden Vögel auftreten sollen (sie hätte eigentlich lieber noch eine Zigarre geraucht).
Aber wo sind die Vögel? Einer plötzlichen Eingebung folgend sind sie nach Kanada geflogen, zum Anwesen von Glenn Gould, und finden ein angebissenes Käsebrötchen, das letzte, das der Meister essen wollte, aber mitten im Kauen entschied er sich, doch mal zu probieren, wie die Goldberg-Variationen rückwärts klingen. Es ist zum Glück ein Brötchen mit Körnern, das freut die Rosenköpfchen, dem Spatz ist es egal, aber Käse und Brötchenkrümel sind schon ziemlich klasse. Es war übrigens seine Idee hierher zu fliegen, er ist nämlich ein Kulturfolger. Glenn Gould hatte offensichtlich keinen Geschirrspüler, oder es hat ihn schon jemand weggeschleppt. Scheiße! sagt Brunberg, der Laptop hat sich aufgehangen...
Eines Tages kriegen sie mich sowieso, die einen oder die anderen...
Jetzt bin ich mir fast sicher, dass das, was ich hier mache, formal überhaupt nicht geht...
Besser ich mache mir einen neuen Kaffee und schütte den Mist hier weg...
Wäre doch schade, wenn so ein harmloser Pizzamann wegen Connys Unachtsamkeit weggeräumt werden müsste...
Wenn es Wichser-Mambo dann zu lesen kriegt und sich vor Wut aufbläst...
Plötzlich kommt eine dicke grüne Wolke und hüllt das Gould - Anwesen ein...
Na egal, der letzte Abschnitt war vielleicht auch ein wenig zu abstrus für die "Fans"...
Bis dahin werde ich mich eines von fast keinerlei Sorgen überschatteten Daseins erfreuen...
Aber es ist zu spät, um noch mal neu anzufangen...
Vielleicht lege ich mir noch ein wenig Musik auf...
Dafür gäbe es eh kaum Kohle...
Was für eine wunderbare Vorstellung...
und aus der Wolke tritt der Geist von Richard Wagner...
den haue ich eh besser gleich weg...
abtreten muss jeder irgendwann...
also ziehe ich das jetzt durch, als müsste es so sein...
vielleicht die Goldberg-Variationen?...
weil es nicht mal ein kleiner Fisch, sondern geradezu Plankton wäre für Mambo...
wie Arschloch-Mambo vor Wut sein Edelaquarium zertrümmert!...
...und ruft: Was ist denn das für ein Durcheinander hier?! Der Spatz fliegt erschrocken von dannen und kracht in der grünen Wolke fast gegen einen Baum; die Rosenköpfchen, von denen man aufgrund der Grünheit der Wolke (lies nach bei Heidegger) nur die roten Köpfchen sieht, lassen sich nicht beeindrucken und bauen aus eigens dafür zerraspelten Notenbüchern ein Nest im Notenschrank. Sie hätten lieber den Bechstein-Flügel genommen, aber wie wir alle wissen, steht der ja woanders.
Wagner wollte sich eigentlich von Glenn Gould dessen Wagnertranskriptionen vorspielen lassen, merkt aber jetzt, dass er zu spät kommt; es ging nicht eher, weil er an einer neuen dreiwöchigen Oper schrieb, die von vorn bis hinten durchkomponiert ist und deren harmonische Spannungen sich erst, nach Tausenden von Trugschlüssen und Hunderten Reisen durch den Quintenzirkel, auf dem allerletzten Akkord nach C-Dur auflösen. An dieser Stelle fällt Odin tot vom Baum, und der Geschirrspüler gibt den Geist auf. Hätte nicht gedacht, dass mir mein abgebrochenes Musikwissenschaftsstudium noch mal zu was nütze ist. So, ich mach erst mal Schluss, nachher kommt noch irgendein Typ, der eine feste Zeit ausmachen wollte. Mal sehen, ob, wie fast immer in solchen Fällen, kurz davor noch jemand spontan klingelt, nachdem den ganzen Tag vorher tote Hose war.
Was solls, die Geschichte ist gegessen, niemand musste unnötig leiden, alle sind zufrieden, bis auf mich, da ich noch kein Geld gesehen habe. Wird schon, Mambo ist zwar ein cholerisches Arschloch, aber zuverlässig.
Der Conny trinkt sein Bier aus und verschließt beide Bücher sorgfältig in seinem unsagbar geheimen Versteck. Er verlässt die Wohnung fast lautlos, es regnet und die Straße ist beinahe menschenleer.
Wagner wollte sich eigentlich von Glenn Gould dessen Wagnertranskriptionen vorspielen lassen, merkt aber jetzt, dass er zu spät kommt; es ging nicht eher, weil er an einer neuen dreiwöchigen Oper schrieb, die von vorn bis hinten durchkomponiert ist und deren harmonische Spannungen sich erst, nach Tausenden von Trugschlüssen und Hunderten Reisen durch den Quintenzirkel, auf dem allerletzten Akkord nach C-Dur auflösen. An dieser Stelle fällt Odin tot vom Baum, und der Geschirrspüler gibt den Geist auf. Brunberg bemerkt Hunger in seinem Bauch, er hat von Pizza geschrieben, jetzt will er auch eine haben. Aber weggehen muss er nicht, er ist gerade gut im Fluss, und - er muss schmunzeln - ihn stört es nicht, wenn der Pizzamann seine Adresse kennt. Da müsste er schon sehr berühmt sein, und dann würde er keine solche Pizza mehr essen.
Albrecht stellt die Musik wieder aus. Wunderbar, aber gerade die Einspielung von Gould kann man nicht nebenbei hören, und jetzt ist Schreiben angesagt. Er verspürt das Bedürfnis, sein Klo aufzusuchen. Da es ein längeres Geschäft zu werden droht, nimmt Albrecht seinen Schmierzettel und einen Stift mit.
Hm. Komischer Schluss. Obwohl - vielleicht ist es gerade das? Der abschließende Gang aufs Klo - eine Metapher für die Vergänglichkeit der Welt und allen Strebens? Eine Allegorie auf unsere wertfreie Konsumgesellschaft am Ende, die nichts als Scheiße hinterlässt? Ein koprophiler Totengesang auf die repräsentative Demokratie?
Ok, gekauft, machen wir Schluss für heute, morgen les ich mir alles noch mal durch, heute Abend rette ich eh keine Welt mehr durch bessere Formulierungen. Yvo Zernagel tanzen die Zeilen vor den Augen, er muss aufstehen und ein Glas Wasser trinken. Sein Projekt droht, ihn zu überfordern, er hat Schwindelgefühle. Erschöpft und frustriert sinkt er wieder auf den Stuhl. Er kann jetzt nicht weitermachen, muss sich erholen. Leider hat er den Verdacht, dass es nach der Pause nicht besser gehen wird - er hat sich festgefahren. Zernagel verlässt die Wohnung, seine Füße gehen von allein dahin, wo er immer hingeht, wenn er zutiefst frustriert ist; dass er beim Graben nach dem Taschentuch sein Handy verliert, merkt er gar nicht.
Zernagel ist Musikkritiker, ist seit langem fasziniert von den komplexen Montagetechniken des Komponisten Robert Winkelheide. Schichten über Schichten, und doch alles irgendwie durchsichtig und logisch, dann diese irrwitzige Lust am Versteckspiel und an scharfsinnigen Andeutungen und Zitaten! Da Zernagel für den Beruf des Musikkritikers in Anspruch nimmt, Musiker UND Literat zu sein, hat er sich in das Vorhaben verbissen, Winkelheides Kompositionstechnik in die Literatur zu übertragen. Ihm ist klar, dass er nicht gleich einen riesigen Roman in Angriff nehmen darf, darum wollte er mit einer ganz kleinen Form beginnen, entweder als technische Übung, oder, wenn der Ansatz gut sein sollte, die Idee immer weiter ausbauen. Nun hat er das Gefühl, dass ihm schon der ganz kleine Anfang völlig missraten und aus dem Ruder gelaufen ist; wo Winkelheide in seinen genialen Finali alle Fäden aufgreift und zu einem unbeschreiblichen Höhepunkt führt oder auch barbarisch abstürzen lässt, läuft bei ihm alles kraftlos ins Leere... Wenn Yvo Zernagel frustriert ist, besucht er Dora. Dora ist ein nettes Mädchen, sie ist preiswert, fragt nicht viel und tut ihm gut. Normalerweise ruft er vorher an, aber er hat das Gefühl, wenn er das jetzt tut, ist sie garantiert nicht da. Auf sein Klingeln keine Reaktion. Die Haustür ist offen, er geht hoch, klopft. Ihm ist es jetzt egal. Er weiß, dass Doras Tür nicht richtig schließt, wenn sie nicht verriegelt ist. Er drückt vorsichtig auf, tritt ein. Mattes, rotes Licht, ein merkwürdiger Geruch. Am Tisch sitzt mit gleichgültiger Miene ein sehr kräftiger, großer Mann vor einem aufgeschlagenen Buch. Auf dem Bett liegt der Rest von Dora in einem See von Blut. Zernagel versteht, versteht plötzlich ganz vieles auf einmal, vielleicht mehr, als er in seinem ganzen Leben je verstanden hat. Es fühlt sich an wie der glücklichste Augenblick seines Lebens, wie eine himmlische Offenbarung, als ihm Connys Messer in die Eingeweide fährt und ungerührt Doras Blut mit seinem vermischt. (Nachspiel auf der Dachrinne: Der Spatz hatte alles nur geträumt.) |