
| Gute Geschichte |
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Meine Ohren brannten empfindlich vor Kälte, als ich das Rosental durchschritt. Es war einer der ersten richtig kalten Tage in diesem Winter, Mitte Januar. Der Schnee, der völlig planlos zu Weihnachten über uns hereingebrochen war, hatte sich allmählich verflüchtigt, dafür war der kleine Teich zugefroren, und die Schwäne schlitterten äußerst unelegant, wenn sie auf ihm zu landen versuchten. Ausgeliefert war ich, da ohne Mütze, denn zuklappen kann man Ohren leider nicht, was sich sehr häufig als Nachteil erweist. Ich kreuzte die Emil-Fuchs-Straße, mußte auf einen metallic-mintgrünen VW Jetta warten, gesteuert von einem Zyklopen, der lediglich ein kleines Loch auf der vereisten Scheibe freigehaucht hatte - sein Gesicht war weit nach vorn gebeugt, so daß ich sein griesgrames Einauge sehen konnte. Als ich die Leibnizbrücke betrat - ich wollte Richtung Innenstadt - sah ich am Ufer des Elstermühlgrabens jemanden sitzen: ein eisverziertes, kantiges Gesicht zwischen all dem berauhreiften Gestrüpp, daran der Körper eines knochigen alten Kerls, der auf einem Klapphocker saß und eine Angel in der Hand hielt. Der Mühlgraben war zum Teil zugefroren, immerhin hatte der Alte, dessen bereifter Stoppelbart ihn an Väterchen Frost erinnern ließ, eine offene Stelle gefunden. Ob sich hier irgendein Fisch hinverirren könnte, war gewiß eine andere Frage. Er sah mich mit den Eindruck abrundenden eisgrauen Augen an und knurrte:
"Was gibt's zu glotzen?" "Nichts eigentlich", sagte ich. "Man sieht nicht oft Angler hier, noch dazu um diese Jahreszeit. Darf ich kurz herunterkommen?" "Von mir aus, wenn du was zu rauchen da hast", erwiderte er und hustete. Zum Glück hatte ich. Ich kletterte über das Brückengeländer und ließ mich herab. Nein, nicht wirklich, eigentlich ließ der Alte sich herab, meine Anwesenheit zu dulden, hatte ich das Gefühl. Er nahm meine Zigarette an, ließ sich Feuer geben, ich steckte mir auch eine an, an der prompt vor Kälte ein Hautfetzen meiner Unterlippe klebenblieb. Ich hockte mich neben ihn auf einen umgestürzten schmalen Baumstamm. Mein neugieriger Blick konnte kein Gefäß entdecken, in dem eventuell gefangene Fische hätten schwimmen oder einfrieren können. "Fängt man denn was bei diesen Temperaturen", fragte ich, und mir fiel auf, daß ich nie darüber nachgedacht hatte, ob Fische Winterschlaf halten. "Schwierig, schwierig", murmelte er, "vor allem in diesen Zeiten." Ob er damit den Januar oder das Jahrtausend meinte, erklärte er nicht näher. "Du siehst verfroren aus - kannst einen Schluck haben, wenn du willst." Er holte umständlich einen metallenen Flachmann raus, etwas erstaunt, nahm ich dankend an, nahm einen Zug - irgendein nicht allzu edler Weinbrand, schätzungsweise Goldkrone - ich nahm noch einen doppelten - das tat gut bei der Schweinekälte, es wärmte einem das Herz, dazu ein Zigarettchen, und die tiefstehende, aber immerhin: Nachmittags-um-drei-Wintersonne - ich erlebte die 30 Sekunden am Tag, an denen ich mit der Welt eins bin, gab ihm den Flachmann zurück und sagte: "Danke schön. Ich bin Ekky. Ekky Meister, freiberuflicher Musiker. Ich wohne drüben in Gohlis, in der Marbachstraße." "Marbachstraße...", murmelte er, "...interessant. In meinem Gebiet sozusagen." "Wie meinen??" "Ich bin Golo VIII. Amtierender König von Gohlis", sagte er, als sei das gar nichts und hustete wieder. "Aber bleib ruhig sitzen." "Aha", entfuhr es mir ungewollt, er dachte jetzt bestimmt, ich glaubte ihm nicht. Natürlich, er hatte irgendeine Meise, das war von Anfang an klar, aber seine Verschrobenheit war mir sympathisch, und ich wollte ihn nicht ärgern. Jemand anders hätte hier wohl gesagt: Und ich bin der Kaiser von China! Ich dagegen biß mir auf die Zunge. "Es weiß kaum noch jemand heutzutage", erklärte er ohne ein Zeichen von Verstimmung, "daß seit jeher jeder Stadtteil seinen eigenen König gehabt hat. Klar, haben wir keine politische Macht mehr heutzutage. Aber das ist vielleicht ganz gut so." Er blickte geradeaus und blies Rauchwolken über den Elstermühlgraben. "Zuviel profane Macht schadet der Idee. Das ist wie bei der Religion. Ein wirklicher König braucht kein Heer und keine glänzenden Säle." Seine alten Augen füllten sich ein wenig mit Wärme, er nahm noch einen Zug aus dem Flachmann. Dann sah er mich an. "Du wußtest bestimmt bisher nicht, daß du einen König hast, stimmt's?" Ich nickte. Sein Gesicht wurde wieder eisgrau. "Manchmal ist es ganz schön deprimierend, daß man gar nicht wahrgenommen wird. Aber man muß an seine Sache glauben." Ich schwieg. Er selbst zumindest schien von seiner Geschichte überzeugt zu sein. Das ist immer schon mal viel wert - dachte ich und spürte, wie meine Zähne klapperten. "Ich glaube, hier wird heute nicht mehr viel", seufzte er und holte seine Angel ein. "Ich schlage vor, wir gehen. Wenn du willst, kannst du einen Moment mit in mein Königshaus kommen - vorausgesetzt, du gibst mir noch was zu rauchen!" Ich gab ihm, er stand auf, klopfte seine unendlich graue und abgewetzte Kleidung ab und begann, den Hang hochzuklettern. So alt und klapprig, wie er war, das schaffte er noch mühelos. Wir gingen dann nebeneinander durchs Rosental Richtung Gohlis, ich wagte nicht, sein tief versunkenes Schweigen zu unterbrechen, ich fragte mich, wohin er mich wohl bringen würde. Wir kreuzten die Waldstraße, gingen am Spielplatz vorbei, Richtung Fechnerstraße, bogen in die Stollestraße ein. Dort, wo sie eigentlich endet, hob er ächzend einen Bauzaun zur Seite, wir stiegen in dieses merkwürdige Kleingartenareal hinab, das früher mal ein Fluß gewesen zu sein scheint, er hob an der Böschung eine hölzerne Klappe empor, die notdürftig mit etwas Laub und Erde getarnt war, und erstaunt betrat ich durch einen engen Gang ein unterirdisches kleines Reich, alles andere als prunkvoll, niedrige Räume und Gänge, in die Erde gegraben und grob mit Holz abgestützt, aber immerhin, es brannten kleine Öllämpchen überall, und es war bei aller Bescheidenheit aufgeräumt und klar strukturiert. Er bat mich an einen klobigen Holztisch, neben dem einige klotzige Fässer standen. Aus einem zapfte er uns zwei große Steingutkrüge voll mit einem tiefdunklen Rotwein. "Trink", sagte er, diesmal in aufgeräumteren Ton. "Eigentlich ist Sonntag kein Tag für Audienzen, aber manchmal ist mir einfach so." Ich war erstaunt, daß es relativ warm war in seiner Höhle. Ich versuchte, mich ein wenig genauer umzusehen, was nicht leicht war, da die flackernden Öllampen den Raum nicht wirklich ausleuchteten. Die Luft war etwas dumpf, aber erträglich. Plötzlich betrat ein Wesen den Raum, das ich hier nie und nimmer erwartet hätte - eine hochgewachsene, dunkelhaarige Frau Ende Zwanzig mit strengen, aber nicht unfreundlichen Gesichtszügen. "Meine Tochter", erklärte der König. "Sie hilft mir oft, mein Schloß hier in Ordnung zu halten. - Anna, das ist ein junger Mann aus Gohlis - ein Musiker, richtig? - er hat mir heute Gesellschaft geleistet beim Fischen." Ich erhob mich unsicher, sie musterte mich, nicht herablassend, aber äußerst distanziert. "Es ist mir eine Ehre...", versuchte ich etwas zu sagen. "Schon gut", erwiderte sie, und ihre Stimme war angenehm warm, gleich begannen meine verfrorenen Ohren wieder zu leben, "wenn der König Sie einlädt, heiße ich Sie auch willkommen. Im übrigen will ich nicht weiter stören." Im folgenden sprachen der König von Gohlis und ich dem sehr vorzüglichen Rotwein zu, und während er mir die politische und Familiengeschichte des Königshauses von Gohlis auseinandersetzte, war ich ein schlechter Zuhörer, war abgelenkt, da ich immer über die schöne Prinzessin von Gohlis nachdenken mußte. War sie wirklich seine Tochter? War sie demzufolge ebenso - verschroben wie er selbst? Oder was spielten die hier?? Golo VIII. war ein guter Gastgeber und schenkte immer wieder nach, stellte irgendwann noch etwas obskures Selbstgebranntes auf den Tisch, mir blieb keine Wahl, schließlich war ich Untertan! Auf jeden Fall war ich, während er immer mehr ins Schwadronieren geriet, bestens von innen angewärmt. Irgendwann unterbrach er sich selbst und sagte mit einer Stimme, die so klang wie seine Bartstoppeln aussahen: "Ich muß mich noch ein paar Amtsgeschäften widmen und dich daher verabschieden. Es wäre nett von dir, wenn du meine Tochter nach Hause begleiten könntest, sie hat eine eigene kleine Wohnung in der Möckernschen Straße, und in heutigen Zeiten... du weißt schon!" Er schellte mit einer Aluminiumglocke, und Anna erschien; Anna, angebliche Königstochter, einfach märchenhaft! Nachdem sie sich von ihrem Vater, König Golo, verabschiedet hatte, war es allen Ernstes meine Aufgabe, sie nach Hause zu begleiten! Wir verließen die unterirdische Welt, draußen war es schon dunkel. Anna schob lässig etwas Laub über die Holzluke, wir erklommen die Böschung und standen auf der Stollestraße. Wie selbstverständlich hakte sie sich bei mir ein. Klar, ich war der Ritter, der sie sicher durch alle Fährnisse nach Hause zu geleiten hatte, und koste es mein Leben. "Du bist Musiker?" fragte sie. "Ja", antwortete ich. "Warst du beim Joe Jackson-Konzert im Gewandhaus?" "Nein, leider, ich hatte selber... ich wäre sehr gern, wirklich..." "Wo hast du gespielt?" fragte sie skeptisch. "In Dresden, in der Scheune", antwortete ich kleinlaut, und das war die Wahrheit. "Aha", versetzte sie nach einer Weile. "Und wie findest du seine neue Platte, Night & Day II'?" "Gut", erwiderte ich, "aber ‚Heaven & Hell' und die Sinfonie fand ich besser, ehrlich gesagt." Wir erreichten die Möckernsche Straße. "Und welche CD hat dich in letzter Zeit am meisten überrascht?" fragte sie. Weiß Gott, was sie jetzt hören wollte. "Eine, die ich schon lange hatte", erwiderte ich, mehr aus Spaß. "Mein Freund Flecke, dem ich sie geborgt hatte, hat sie, kurz nachdem er aus dem Knast gekommen war, tatsächlich endlich wiedergefunden, als ich sie schon verloren gewähnt hatte. Es ist ein Prachtstück von großer Seltenheit: ‚Sol Niger Within' von Fredrik Thordendahl." "Soso, man hört Thordendahl", sagte sie amüsiert. "Also auch Meshuggah, wie?" Die Doppeldeutigkeit des Satzes bereitete ihr hörbar Spaß. Wir hatten das Haus erreicht, in dem sie augenscheinlich wohnte. "Kommst du'n Moment mit hoch, ich habe, glaube ich, noch'n paar interessante Sachen für dich", versprach sie. Welche Frage!! - Kleine, sympathisch chaotische Wohnung. Sie legte passenderweise "Chaosphere" auf. "Mein Vater steht nicht so auf diese Sachen, wie du dir denken kannst", lachte sie. Sie machte Rotwein auf, und ich war ein artiger Gast. Es ging von Meshuggah über Mekong Delta und Dream Theater allmählich zu Sibelius und Prokofjew. Mein Verstand ergab sich irgendwann dem Zuviel an paranormalen äußeren und inneren Umständen. Wenn ich heut versuche, mich genau zu erinnern, ist mir, als müßten die Nähe von Annas herausfordernden dunklen Augen und ihr unbeschreiblich königlicher Duft dabei eine wesentliche Rolle spielen... Ich erwachte, weil mein Rücken schmerzte und ich barbarisch fror. Ich fand mich auf dem Parkett neben einer Couch liegend, notdürftig in nichts als einen leeren Bettbezug gewickelt. Ich sah auf die Uhr - es war schon kurz nach elf. Meine Sachen lagen verstreut auf dem Boden, an meine Schläfen klopfte es unangenehm, meine Kehle war trocken wie der Norden Korsikas. Niemand war da. Ich zog mich schnell an und die zog die Tür hinter mir zu. Ich hatte einen Zahnarzttermin verpaßt, ansonsten konnte alles warten. Ich ließ mir zu Hause ein heißes Bad ein, in welchem ich selig einschlief, bis ich verschrumpelt und kalt am späten Nachmittag erwachte mit einer glühenden Sehnsucht nach einem starken Kaffee und einem Kopf voll Chaos aus unklaren Erinnerungen und völlig sinnfreien Träumen. Am übernächsten Tag führten mich alltägliche Besorgungen in die Innenstadt. Als ich die Petersstraße hochgehen wollte, sah ich auf einer der Bänke an der Grünfläche vorm Hugendubel ein paar abgerissene, unrasierte alte Kerle sitzen, zwischen denen eine Flasche Chantré kreiste. Ich sah genauer hin, einer schien mir zuzuwinken - tatsächlich, es war... wie hieß er nochmal? Richtig - Golo VIII., König von Gohlis! Ich trat näher. Die Runde schien schon etwas angeheitert zu sein. "Komm her", krächzte Golo. "Das ist ein Musiker aus meinem Gohlis, meine Herren... komm her, darf ich vorstellen? Konrad V. von Connewitz, Paul II. von Plagwitz, Ludwig XIV. von Lindenau und Theodor III. von Thekla. Komm, trink mit uns, wir haben unser traditionelles Königstreffen, sind aber schon beim gemütlichen Teil... hast du was zu rauchen dabei?" Ich hatte noch genau fünf Zigaretten dabei, was bedeutete, daß für mich keine übrigblieb, was aber niemanden außer mir störte. "Wo ist deine... wo ist Eure Tochter Anna?" fragte ich Golo. "Was weiß ich, sie führt ihr eigenes Leben", lallte er und kniff die Augen zusammen im vergeblichen Versuch, mich fest ins Auge zu fassen. "Sie ist eine schöne Frau, nicht wahr? Aber interessiere dich nicht zu sehr für sie, sie ist immerhin eine Königstochter, und du bist kein standesgemäßer Mann für sie." Ich sah mich in der Runde um, und die Runde sah mit glasigen Augen zurück. Ich verabschiedete mich schnell und steuerte zurück ins feierabendliche Einkaufsgewühl. Der hereinbrechende Abend legte seine kühle Pranke auf mein Herz, in dem noch ein schaler Rest von dem spukte, was mir an Erinnerung an die Prinzessin von Gohlis geblieben war, und ich nahm mir irgendetwas ganz fest vor, das ich leider fünfzehn Minuten später schon wieder vergessen hatte und das vermutlich jetzt in irgendeinem Paralleluniversum auf mich wartet... Drauf gespuckt, dachte ich, ging ins Thomasbrauhaus und trank ein Bier auf König Golo. Man kann von ihm halten, was man will, dachte ich bei mir, aber eins muß man ihm lassen: Er hat eine gute Geschichte zu erzählen, und er glaubt sie sogar selbst. Alle Achtung! Und ich trank noch ein Glas auf alle, die eine gute Geschichte wissen, und dann noch zwei auf die schöne Prinzessin Anna von Gohlis... und wenn ich nicht gestorben bin, sitze ich immer noch dort und trinke auf das Wohl der verkannten Stadtteilkönige und ihrer bezaubernden Töchter. |