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Die Landschaft PDF Drucken E-Mail
Ich bin wütend. Ich habe Wut im Bauch, noch nie ist mir aufgefallen, wie zutreffend diese Redensart ist. Ein dicker Klumpen im Magen, der sich dreht, umso mehr, wenn ich darüber nachdenke, warum und worauf ich wütend bin. Ich will gern nicht denken, will wenigstens das reine Wutgefühl auskosten, das mich energischer in die Pedale treten und die feuchte Abendkälte, die mir zwischen die zu leichte Kleidung fährt, ignorieren läßt, aber sowas gelingt mir selten. Zumal die Hälfte der Gedanken, die nicht aus Verwünschungen gegen meine Kollegen und meinen Chef besteht, mir nahelegt, daß ich mich über nichts aufzuregen brauche außer über mich selbst. Daß mein regennasser Sattel inzwischen auch meine Unterhose durchnäßt hat, macht es auch nicht besser. Hätte ja vorher eine Tüte drübermachen können.

Rote Ampel, Scheiße auch! Sonst wäre ich drübergefahren, es ist nach zehn, kein Auto weit und breit. Fühle mich zu schlaff, auch nur eine banale Regel zu brechen. Kein Zeitpunkt für Entscheidungen.

Meine verdammte Gutmütigkeit! Ach was, Gutmütigkeit klingt schöngefärbt; Harmoniesucht, Konfliktscheu - nennen wir es ruhig beim Namen: Feigheit.

Feigheit. Was für ein abscheuliches, großes, archaisches Wort. Ich drehe das Wort von links nach rechts, kaue darauf herum. Seit ich denken kann, eine der verachtenswertesten Eigenschaften. Obwohl mir nie irgendwer schlüssig erklären konnte, wo die Linie zwischen Feigheit und Angst und Bequemlichkeit verläuft.

Grüne Ampel. Die Kraft der Wut ist verflogen, ich fühle mich nur elend und klein. Ich schiebe das Rad ein Stück, atme tief durch und muß fast über mich lächeln, wenn auch leicht gequält. Elend und klein, Feigheit, Mut - was für kriegerische Worte für eine im Grunde derart banale Geschichte!

Ich komme an der Tankstelle vorbei, schwenke kurz ein und hole mir am Nachtschalter eine Büchse Beam-Cola und Zigaretten. Ein alter Zausel mit Plastiktüte steht daneben, trinkt sein Sternburg-Pils und glotzt mich aus glasigen Schweinsaugen an. Danke, Alter, wenn ich dich sehe, fühle ich mich gleich besser! Wie hieß es früher: Im Sozialismus ist jeder zu etwas gut, und sei es als abschreckendes Beispiel. Den tangieren solche Probleme nicht mehr.

Mich schon. Ich habe das kommende Gespräch mit Katja vor Augen, ich müßte sie eigentlich nachher gleich noch anrufen, aber ich weiß genau, daß ich dazu nie und nimmer die Kraft haben werde. Ich trolle mich hinter die Tankstelle, stecke mir eine Kippe an und nehme einen tiefen Schluck. Sinnlos betrinken wäre das Beste, wenn ich nicht morgen schon wieder Frühdienst hätte... müßte ich nicht machen, aber ich bin ja... Leichte Linksdrehung im Magen, der Blechgeschmack widert mich plötzlich an. Ja, es ist ganz allein meine Blödheit, wenn ich mich unter Druck setzen lasse. Mich nicht wehren kann. Was heißt wehren, es tut mir ja niemand was. Einfach sagen: Nein, tut mir leid, diesmal geht es nicht. Bin ich so erzogen? Hab ich mir das von jemandem abgeguckt? Oder ist das genetisch??

Gut, Pallmann ist krank, aber nicht erst seit heute, nun gab es auch noch in Wiesels Familie einen Todesfall, er muß zur Beerdigung, soll ich da vielleicht sagen: Leute, das geht mir am Arsch vorbei, ich will mir ein schönes Wochenende machen? Und dann steht da Greiner, unser abgekämpfter Chef, vor mir mit seinen müden Augen, Greiner, der zwei Kannen Kaffee und zwei Schachteln Zigaretten am Tag verbraucht und der wahrscheinlich bald eine Herzanfall hat, wenn er so weitermacht, und erklärt mir die Situation. Klar, verstehe ich, diesen Monat haben wir mehr zu tun als sonst, wir können froh sein, daß es so ist, und Frau Lenz mit ihren drei Kindern und dem invaliden Mann hat eh genug Probleme. Ich dagegen bin jung, ohne Familie, und Greiner weiß es zu schätzen, daß ich so verdammt scheißflexibel bin. Daß ich mit Katja das Wochenende nach Berlin wollte, gute Freunde besuchen und mit denen zum Dream Theater-Konzert, die Karten sind schon gekauft... wer würde das noch einzuwenden wagen?

Ich werfe die halbvolle Büchse weg und setze mich wieder aufs Rad. Ich höre Katja reden, es gab schon vergleichbare Anlässe. Enttäuschung, Schweigen, halbherzige Versprechen. Fast bin ich wütend auf sie, weil sie mich, ohne es zu wissen, schon jetzt unter Druck setzt. Verdammt, ich wollte selber gern dahin!

Meine Wut läßt nach, ich bin bald zu Hause. Die Luft scheint jetzt etwas milder. Ein besoffen wirkender Typ pöbelt irgendwas vor sich hin, sieht zu mir rüber, ich weiß nicht, ob er mich meint, ist mir egal. Ich stelle das Rad an die Hauswand, schließe die Tür auf, stelle meine Tasche rein, geh wieder raus, um das Rad reinzuholen. Der Typ ist ein paar Schritte entfernt, guckt irgendwie ungut. Ich nehme mein Rad, um es die drei Stufen hochzuheben, da geht er vorbei und rammelt absichtlich an das Rad, ich hatte es befürchtet, daß er Ärger sucht. Er bleibt stehen, dreht sich zu mir, brabbelt irgendwas, ob ich ihn anmachen will oder so. Ich stelle das Rad ab, sage, daß es mir leid tut, daß ich nur mein Fahrrad reintragen wollte, kriege schon wieder zittrige Knie, ich hasse mich dafür! Aber er will ja keine Entschuldigung, er will Ärger, er schubst mich mit beiden Händen, ich gehe einen Schritt zurück, eigentlich ist er zu besoffen, um gefährlich zu sein, man müßte ihm einfach eine reinziehen, aber ich kann sowas nicht. Er ist vielleicht Mitte dreißig, mittelgroß, speckige Jeans und ein Gesicht, daß auf regelmäßige Trinkgewohnheiten schließen läßt. Keift heiser vor sich hin, was für ein mieser Arsch ich bin, daß er sich von so einer Ratte nichts bieten läßt und so weiter, schmeißt mein Fahrrad gegen das daneben parkende Auto, schöner Kratzer. Will mir noch eine ins Gesicht geben, weil ich zurückweiche und er zu straff ist, geht es glimpflich ab, bißchen dicke Lippe, weiter nichts. Scheint fast zufrieden zu sein und will sich abwenden, ich kann nicht an mich halten, ihm ein "Hau doch ab, du Idiot" hinterherzuschicken. Er dreht sich langsam um mit seiner schiefen Fresse: "Willst du noch was?" - "Willst DU noch was, Penner!" bricht es aus mir, komisch, wenn man erstmal eingesteckt hat, wird man leichtsinnig, und langsam gewinnt Wut Oberhand über die zitternden Knie.

Er kommt langsam zurück, ich weiche ein, zwei Schritte aus, vor Augen habe ich plötzlich Szenen aus der Schulzeit, wo einer aus der Klasse drunter mich terrorisierte, mich anspuckte, mit Dreck beschmiss und meine Kumpels betreten daneben standen, weil ich mir so viel gefallen ließ. Ich hasse diesen Saufkopf stellvertretend für alle, denen ich nicht zurückgegeben habe, was sie verdienten. Mit einer Behendigkeit, die ich ihm nicht mehr zugetraut hätte, gibt er mir einen schmerzhaften Hieb in die Seite, mir treten Tränen in die Augen, die aber jetzt nicht mehr Kapitulation bedeuten, sondern Schmerz und helle Wut, und damit rechnet er jetzt wohl nicht mehr, denn fast ohne Gegenwehr packe ich ihn an seiner keimigen Jacke, schüttle ihn, das ist ein geiles, zutiefst befiedigendes Gefühl, besser als ein Orgasmus und ein später Morgenschiß zusammen, und ich schmeiße ihn mit voller Wucht und im vollen, wundervollen Bewußtsein, daß er wacklig auf den Beinen ist, gegen das Auto, wobei er noch mit einem Fuß in meinem liegenden Fahrrad hängen bleibt, sein Kopf knallt resonant an die Kante oberhalb der Beifahrerscheibe, er sackt runter und bleibt völlig verquer auf dem Fahrrad liegen. Mir ist schwindlig, ich muß mich auf die Stufen setzen, ich nehme wie im Traum wahr, daß an der Scheibe ein Rinnsal Blut zu sehen ist. Mir ist übel, übel vor Glück, ich habe den Feind zur Strecke gebracht, eigentlich zum ersten Mal.

Es dauert ein Weilchen, bis mir bewußt wird, daß ich jetzt eventuell ein Problem habe. Ich sehe auf dem Gehweg ein Pärchen nahen, im Haus gegenüber geht ein Fenster auf. Der Typ regt sich nicht. Ich kriege Panik, was, wenn er tot ist? Bin vom Held zum Mörder gesunken, im Bruchteil einer Sekunde. Hastig krame ich mein Handy raus, ist noch ausgeschaltet, mit zitternden Fingern gebe ich den Code ein, inzwischen ist das Pärchen ran und starrt entsetzt auf die Szene. "Gab hier ne Schlägerei", stammle ich, als sei ich nicht beteiligt gewesen. Ich wähle die 110, dauert einen Moment, dann gebe ich mir Mühe, zu beschreiben, was passiert ist.

Ich bin nicht imstande, den Feind anzufassen, um zu sehen, ob er noch lebt. Das Mädchen dreht ihn um, fühlt seinen Puls, schnauzt ihren Freund an, der hilflos daneben steht. Dann muß ich kotzen...

Ich sitze auf der Polizeiwache, es ist kurz vor zwölf, ich habe Kopfschmerzen , ich will ins Bett und mich betrinken oder umgekehrt. Mühsam erkläre ich dem nicht sehr hellen Polizeibeamten, was passiert ist. Diese Räume hier müssen jeden über kurz oder lang in den Wahn- oder Stumpfsinn treiben, je nach innerer Disposition.

Ich bin einerseits eingeschüchtert durch die Situation, andererseits, und das gereicht mir hier kaum zum Vorteil, fällt es mir schwer einzusehen, daß ich etwas falsch gemacht haben soll, daß ich jetzt als der Täter dastehe und der andere als Opfer. Ich fühle mich ungerecht behandelt, meine Seele erwartet eher etwas Balsam für die Heldentat. Auch daß ich ebenfalls Alkohol konsumiert hatte (man ließ mich pusten), spielt offenbar eine Rolle.

Der Typ lebt durchaus noch; soviel ich mitbekommen habe, hat er eine böse Platzwunde und eine mittelschwere Gehirnerschütterung, von übrigen Kratzern abgesehen, die daraus resultieren, daß er sichs auf meinem Fahrrad bequem gemacht hatte. Seine Schuld, ich habs da nicht hingelegt. Ach ja, nicht zu vergessen, daß die Autotür leicht verbeult ist. Das ist sicher der schlimmste Schaden. Dummer Zyklopenschädel, aber hart wie Kruppstahl...

Man hat mich nach Hause gefahren. Ich sitze da, mache nichts. Trinke ein Bier an, schmeckt scheiße. Mache Musik an, wieder aus. Alles Mist, alles kaputt. An Katja kann ich gar nicht denken, kriege sofort Kopfschmerzen. Wünschte, ich hätte Koks oder sowas. Keine Ahnung. Trinke halbe Flasche Wodka, um schlafen zu können. Onaniere im Bad, merke fast nichts. Kann mich nicht im Spiegel sehen.

Bleischwer, bleischwer der Morgen. Weiß nicht, wie lange das Telefon schon geklingelt hat. Scheiße, verpennt, immerhin kommt es sehr glaubwürdig, daß ich bei nicht aufgelegtem Hörer aufs Klo rennen muß, kotzen. Kommt nichts raus außer grüner Galle. Als ich auf Arbeit bin, ist natürlich nicht zu übersehen, daß mich ein Kater ordentlich gekratzt hat, will lieber nicht wissen, wonach ich rieche. Greiner macht mich vorerst nicht zur Schnecke, aber die Enttäuschung in seinen umringten Augen ist selbst für mich nicht zu übersehen. Mag sein, daß ich ihm heute keine große Hilfe bin. Zu erzählen, was passiert ist, geht über meine Kraft, hab die ganze Zeit Angst, daß die Polizei anruft und es alle erfahren.

Feierabend, bin zu Hause. Müßte Katja anrufen. Kann es nicht. Zuviel auf einmal, was ich ihr nicht erklären kann. Breche unversehens in Tränen aus, flenne meinen Esstisch voll, schneuze mich in die Küchenrolle. Katja, Katja, ich möchte nichts mehr, als daß du mich in die Arme nimmst und mir sagst, daß du bei mir bist, daß du mich verstehst und daß ich für dich alles richtig gemacht habe... Aber ich weiß, daß alles andere sein wird als das.

Ich rapple mich auf, das Leben muß weitergehen. Gehe einkaufen. Lade wenig in meinen Wagen, das Gegenteil vom hungrigen Einkäufer, der immer zuviel nimmt... Das Handy klingelt. Das Display zeigt "Wildkatze", in fernen guten Zeiten mein Kosename für Katja. Ich muß mit Macht dem Impuls, sie wegzudrücken, widerstehen.

Natürlich, sie ist schon leicht sauer, daß ich heute noch nicht angerufen habe. Ich weiche ihr aus, nein, es ist nichts, mir geht es gut... Nein, heute abend ist es nicht so günstig... Na, weil ich noch zu tun habe. Sie verabschiedet sich knapp, ist beleidigt, verständlich eigentlich. Dabei hat sie noch keine Ahnung von all dem, was ich ihr noch beizubringen hätte...

Ich lasse den Wagen stehen und gehe nur mit einer Wodkaflasche zur Kasse, da die Schlange aber so lang ist wie mir plötzlich elend, stelle ich die Flasche beim Waschmittel ab und winde mich hinaus.

Nächster Tag, ich war auf Dienst, habe versucht, alles so normal wie möglich zu erledigen. Die Kollegen sind zum Glück zu beschäftigt, um sich über mich viele Gedanken zu machen. Greiner hat nichts weiter gesagt, sieht mich irgendwie mitleidig an. Wer weiß, was er denkt, oder weiß er irgendwas? Ich rechne immer damit, daß ich nochmal zur Polizei muß, aber nichts passiert.

Früher Abend, habe vorhin Katja angerufen, hat lange genug gedauert, bis ich wirklich gewählt habe. Habe versucht, ihr erstmal das mit dem Wochenende zu verklickern. Längeres Schweigen am anderen Ende, dann so ein Statement im Sinne von: nein, ist nicht so schlimm, wenn es für mich so wichtig ist, wird es schon ok sein.

Hatte mir fest vorgenommen, ihr zu sagen, daß ich sie liebe, aber es ging nicht, ich war dann irgendwie auch beleidigt, wie kann sie mich in meiner Situation so kalt abfertigen?

Ich verlasse das Zimmer der Polizeiwache mit einem Stein im Magen. Mußte nochmal hin, um eigentlich die gleichen Fragen zu beantworten. Mein Blick verliert sich in den Leuchtstoffröhren des Flures, und vor mir breitet sich eine Landschaft aus, die nichts mit mir zu tun hat, in die ich nicht gehöre. Diese Landschaft scheint weit und unbegrenzt zu sein, aber vor allem ist sie wild, unbekannt und voller Gefahren. Irgendwas lauert da drin auf mich, das ich nicht sehe, aber immer im Rücken spüre, wohin ich mich auch wende. Ich werde in dieser unbegrenzten Landschaft gefangen sein, werde immer Kreise laufen, immer wieder auf diese feindliche Lichtung zurückkommen, auf der ich gerade stehe, und die Kreise werden immer kleiner werden, und wenn sie so klein sind, daß ich nur noch auf der Lichtung im Kreis gehe wie auf einem Gefängnishof, dann wird ES aus dem Gehölz brechen, es muß mir gar nichts tun, es reicht, daß es mich ANSIEHT... mich ansieht und sich so sicher ist, daß ICH es bin, der sich zu rechtfertigen hat...

Verdammter Unsinn... Ich erwache aus dem Tagtraum und stelle fest, daß mich tatsächlich etwas ansieht... jemand anstarrt... es sind gleich mehrere, es ist eine Frau vielleicht Mitte fünfzig, ein rotnasiger klappriger Kerl dabei und ein sonnenstudioverbarannter Muskelmann Mitte dreißig, der mich an irgendwen erinnert... der auf mich zeigt...

Ich sitze zu Hause, zittere, habe drei Wodka getrunken, habe mich ins Bett gelegt, das Licht ausgemacht... Sinnlos. Ich liege zwei Stunden wach, dann endlich klingelt das Telefon, und ich Idiot gehe natürlich ran, wenn das Verhängnis einen lange genug schmoren ließ, ist man regelrecht dankbar, wenn es kommt.

Natürlich sind SIE es, in persona offenbar seine Mutter, die mich in schwer verständlichem Zyklopensächsisch angiftet, ich hätte ihren einzigartigen Sohn, der immer noch im Krankenhaus liegt, umbringen wollen... Sie würden sich das von einem WICHSER wie mir nicht gefallen lassen, der Bruder und seine Freunde würden mich mal besuchen, dann könne ich meine Knochen einzeln nach Hause tragen, die Scheißbullen würden ja eh nichts unternehmen...

Im ersten Impuls will ich die Polizei anrufen, daß man mich bedroht. Ich bin dabei, die Nummer rauszusuchen, dann lasse ich es bleiben. Ich habe dort heute eh keine gute Figur abgegeben. Ich habe keine Zeugen, es wirkt wie eine gewöhnliche Schlägerei, und ich habe IHN lebensgefährlich verletzt. Im Gegensatz zu ihm war ich nahezu nüchtern, ich hätte die Folgen abschätzen müssen. Daß mir im Verlaufe des Gesprächs einige sehr despektierliche Worte über meinen Gegner entglitten, dürfte mir kaum geholfen haben. Dabei kenne ich dieses Arschloch gar nicht. DIESE VOLLGESCHISSENE MENSCHENHAUT! Ich muß grinsen. Genau! Kenne keinen, der mit größerem Recht so genannt werden dürfte. Eine überflüssige Anhäufung organischer Materie, ein Oberzyklop, ein blutiges Stück Hundescheiße, ein... ein mother- nein, ein sister-, ein daughterfucker...

Schön, wenn man noch lachen kann. Mir ist schlecht. Zeit für einen Wodka.

Auf Arbeit läuft es entspannter, Pallmann ist wieder da, Wiesel scheint von seinem Todesfall nicht so arg mitgenommen zu sein - soll ja vorkommen- , Frau Lenz sprüht vor guter Laune, hat gestern Kuchen mitgebracht, selbst Greiner wirkt irgendwie für seine Verhältnisse entspannt... oder kommt mir das alles nur so vor, weil allein ich ein einziger Krampf bin?

Das Wochenende ist verstrichen. Katja ist Freitag zu einer Freundin gefahren, heute ist Dienstag, und wir haben seitdem kein Wort miteinander gesprochen. Aber der Stich in meinem Herz, der davon kommt, dringt so gut wie nicht durch, weil der Mühlstein in meinem Magen davor liegt. Kann es sein, daß der Magen doch das wichtigere Organ ist? Klar, eigentlich einleuchtend: Wenn es wirklich hart auf hart kommt, ist es leichter, ohne Liebe zu leben als ohne Essen. Und wenn es einem wirklich scheiße geht, kann weder die Absicht auf Liebe noch auf Essen einen wirklich begeistern. Mit dem kleinen Unterschied, daß man keine Angst hat, das Essen könnte einem Vorwürfe machen und daß man es darum nicht anruft...

Mich gucken alle ein wenig mitleidig an, aber offenbar habe ich zu verstehen gegeben, daß ich nicht reden will, darum lassen sie mich in Ruhe, obwohl sie wohl merken, daß etwas nicht stimmt. Greiner hat mir nochmal gedankt für den Wochenenddienst mit sowas wie einem Anflug von Herzlichkeit.

Mein Leben nimmt paranoide Züge an. Die Drohung nehme ich nach wie vor Ernst, jeden Tag erwarte ich, daß sie mir irgendwo auflauern. Beim Einkaufen drehe ich mich ständig um, zu Hause ziehe ich immer die Gardinen zu und mache möglichst kein Licht an. Es wird wohl zu einer Gerichtsverhandlung kommen, aber das hat damit wenig zu tun. Ich habe einen Feind böse verletzt, und das werden seine Mitfeinde mir nicht vergeben. Ich hätte ihn töten sollen, dann könnten sie ihn als Helden und Märtyrer feiern, aber so habe ich ihnen einen vielleicht debilen Krüppel beschert, und so wird ihr Blutdurst sie früher oder später zu mir führen.

Donnerstag, eine halbe Stunde vor Dienstschluß. Spätdienst. Diese Zombies, wie sie mir inzwischen verhaßt sind, mit ihren normalen Leben, die nichts um sich herum mitbekommen, der ganze Scheiß, über den sie reden, und diese wahnsinnswichtige Arbeit, das ist nun ihr ganzes Leben. Kriegen die denn überhaupt nichts mit? Wissen die irgendwas von dem, was sich im Leben wirklich abspielt? Ich bin froh, daß es gleich vorbei ist.

Gestern habe ich zweimal versucht, Katja anzurufen. Beim ersten Mal war sie nicht da, aber selbst ihr Anrufbeantworter klang so hintergründig distanziert, so spitz, die gleichen Worte wie sonst, aber bestimmt hat sie es neu aufgenommen, damit ich gleich weiß, was Sache ist... Beim zweiten Mal war sie dran, ich hab sofort aufgelegt, dabei das Telefon runtergeschmissen, seitdem hat der Hörer Wackelkontakt, scheißegal, am besten wärs, das Ding wäre tot... Das Ding wäre tot. Ich, das Ding. Stumm, taub, gefühllos, ohne Zukunft, mit einer alles erdrückenden Vergangenheit. Oh Gott, kreig dich ein mit deiner Scheißvergangenheit, sowas dürfte vielleicht ein ehemaliger KZ-Aufseher sagen... Ich denke an Katja, und ich möchte heulen. Ich hab alles versaut, alles. Wenn ich sie wäre, fände ich mich auch scheiße. Ach, gar nicht nötig, ich finde mich auch so scheiße.

"Machen Sie Schluß für heute, Katzer, Sie sehen abgespannt aus." Greiner, heute ganz der gütige Vater. Nein, wirklich, er setzt sich zu mir, bläst seinen Rauch aus, "wissen Sie, es gibt Zeiten, wo einen alles mögliche belastet, und es fällt einem schwer, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Sie brauchen mir nichts zu erzählen, ich kenne das sehr gut. Ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie hier die Fahne hochgehalten haben, und ich möchte, daß Sie bei nächster Gelegenheit mal ein paar Tage frei machen, Sie möchten doch vielleicht mit Ihrer Freundin, wie hieß sie doch gleich... mal etwas unernehmen, ein paar Tage wegfahren...?"

Mein Gott, das stach tief hinein, nichts weißt du Arschloch, das mit seinem Leben als Mensch längst abgeschlossen hat. Ich schütze einen Klogang vor, weil ich die Tränen nicht mehr halten kann, und niemand soll die weniger sehen als die alle hier...

Besteige meinen Fiesta, wegen Regen heute dem Fahrrad vorgezogen. Nach Hause... ich kann nicht dran denken. Die Dunkelheit, der Wodka, ... die LANDSCHAFT! Ich habe mehrfach davon geträumt. Es gäbe das eine oder andere zu erledigen, aber ich kann es einfach nicht. Ich fahre zum "Pferdekopf", wenigstens ein Bier oder zwei und ein paar belanglosen Gesprächen lauschen, so tun als wäre alles einfach so... einfach.

Sitze am Tresen, bin in ein Gespräch verwickelt mit dem Pferdewirt und einem Schnauzbart, dessen Redefluß kaum zu bremsen ist, über Motorräder. Gibt einige Dinge, von denen ich mehr verstehe, aber es liegt in einer angenehm anderen Welt... Rob kommt zur Tür herein, grüßt lauthals den ganzen Raum, haut mir einen Amboß in die Schulter... "Hey, Katze, schon wieder Wochenenddienst am Donnerstag?" Worauf er grölend lacht. "Wie isses, spielst du uns einen? Ich geb auch ein Bier aus!"

Das fehlte noch. Ich hab als Jugendlicher ein paar Jahre Klavier gespielt, war dann in einer Schülerband, und ab und an nötigt mich jemand, was zu spielen. Auf nichts habe ich jetzt weniger Lust...

Aber der Pferdewirt steigt natürlich drauf ein, wann spielt schon mal jemand auf seinem verstimmten, biergetränkten Schinken. "Ja, Katze, los, Rob hat recht, spiel was! Ich leg noch nen Whisky drauf!"

Was bleibt mir übrig. Ich geh zum Klavier, ein paar Gäste johlen. Das Pferd stellt mir ein Bier und einen Doppelten hin. Ich stecke mir ein Kippe an und mache ein bißchen Blues in C. Dann ein paar Takte Root Beer Rag, was noch so hängengeblieben ist. Die Finger fühlen sich steif an, ansonsten macht es sogar irgendwie Spaß. Ein paar Leute applaudieren, ein Besoffener ruft "Aufhören!". Ich will aufstehen, aber das Pferd erneuert das Gedeck, ich nehme zwei tiefe Schlucke und überlege, was ich noch kann. Die Finger, eher als der taube Kopf, wissen noch das eine oder andere Fragment, ich denke an Katja, schwelge in Moll-add 9-Akkorden... bemerke irgendwann, daß das Gesprächslevel der Kneipe mich locker übertönt... Schleiche mich mit meinen zwei Getränken an den Tresen zurück, mein Platz ist inzwischen besetzt... "Hey, Katze, du warst groß, das geht alles aufs Haus!" ruft mir das Pferd mal zwischendurch zu, dann widmet er sich wieder seinem wichtigen Gesprächspartner, der aussieht, als würde er gerade die Tageseinnahmen des Stadtteilpuffs durchbringen...

Ich sehe die Welt vor mir äußerst gläsern. Äußerst gläsern. Und dahinter liegt die LANDSCHAFT. Und da will ich nicht hin. Ich vertiefe mich in meine Gläser. Ich stecke mir eine Kippe an. Hier will mir niemand was Böses. Was Gutes allerdings auch nicht. Wer weiß, wer von denen vielleicht mit dem FEIND befreundet war... WAR??? Das Schwein lebt immerhin noch. Ist. Ist? Die Landschaft. Sie existiert nur für mich, um auf mich zu warten. Irgendwann werde ich kommen, die Landschaft hat Zeit, unendlich viel Zeit...

Rob steht da hinten und flirtet mit irgend so einer abgefuckten Tusse. Ich könnte ihm was erzählen, aber... es wäre unpassend... Das Pferd hat nochmal nachgeschenkt, unbemerkt, ungefragt. Noch ein Bier, noch ein Whisky. Runter damit. Ich bin nah am Limit. Eigentlich schon drüber.

Kotzen. Gute Idee. Raus mit dem Mühlstein. Raus mit allem.

Katja. Ich könnte ihr alles erzählen. Ja. So einfach ist manchmal alles. Ich muß ihr alles erzählen. Sie wird mich verstehen. Sie liebt mich. Sie weiß, daß ich sie liebe. Sie über alles liebe. Daß ich sterben würde für sie. Sterben würde dafür, sie nur noch einmal zu berühren, obwohl alles...

Ich werde panisch und euphorisch gleichzeitig, so eine krude Mischung. Ich werde zu Katja fahren. Hat das Pferd nicht gesagt, es geht alles aufs Haus? Ich sage tschüß, niemand nimmt Notiz von mir, ich gehe raus, der Sauerstoff der lauen Nacht, der in meine Blutbahnen drängt, hält mich von nichts ab, im Gegenteil. Ich schließe mein Auto auf und starte, schere aus der Parklücke, trete das Gaspedal durch. Ich fahre zu Katja, zu der Frau, die ich liebe, es wird alles besser werden, es ist alles verfahren, aber dies und genau jetzt ist der Wendepunkt. Wir fangen neu an, mit allem, wir werden alles hinter uns lassen...

Etwas zuckt vor meinen Augen, ich steige instinktiv auf die Bremse, es gibt einen mörderischen Schlag, ich stehe. Ich sehe Kreise. Was war das? Ein Fahrrad, glaube ich. Ohne Licht, bin ich mir ziemlich sicher. Oder? Muß so gewesen sein. Klar, da war ein Mädchen auf dem Rad, ohne Licht, am rechten Rand, ich hatte gerade angesetzt, dran vorbeizufahren, sie muß einfach nach links ausgeschert sein. Ganz einfach. Ganz einfach. Schlimm, aber ich kann nichts dafür. Nichts. Außer, daß ich sturzbetrunken bin. Scheiße!!

Ich steige benommen aus. Was ist das? Ich weiß nicht, was das da ist. Ich hab sowas noch nie gesehen. Als wären Fahrrad, Auto und Mädchen oder was immer das mal war, zu einem Wesen zusammengewachsen. Fließende Übergänge. Die perfekte Sphinx des modernen Straßenverkehrs, Auto, Fahrrad und Fußgänger in einem. Schön, wenn man noch lachen kann.

Ich setze mich auf den Bordstein und schließe die Augen. Mein rechtes Handgelenk schmerzt, ich reibe meine Stirn und meine, Blut zu spüren. Niemand hier außer mir und der Sphinx.

Ich bin hier falsch. Mechanisch stehe ich auf und trotte in Richtung der nahen Tankstelle. Um Hilfe zu holen? Ich weiß nicht. Rechts und links von mir verschwimmen die Umrisse, durch das Dunkel sickert eine andere, vertrautere Welt, ich bin auf der Lichtung, die Landschaft sieht jetzt im Dunkeln gar nicht feindselig aus, sie wirkt so friedlich, ist sie zufrieden mit mir, hat sie bekommen, was sie wollte? Und in dieser Landschaft gehe ich nicht im Kreis, und die Tankstelle ist, wo sie sein sollte, und sie gibt mir eine Beam-Cola und Zigaretten, und die anwesenden Penner scherzen freundlich mit mir, einer gibt mir sogar ein Taschentuch, um die Platzwunde an meiner Stirn zu stillen. Zufrieden, rauchend, wende ich meine Schritte, die Landschaft nimmt mich zärtlich auf, auf den einen, einzig möglichen Weg: Nach Hause. Nichts muß mehr werden, alles ist, und es ist gut. Wie immer dieses Zuhause aussehen wird... Fast amüsiert stelle ich fest, daß der Weg mich tatsächlich vor das Haus führt, in dem ich wohne. Mitten zwischen all den rätselhaften Gewächsen der Landschaft steht es da und wartet auf mich, und es nicht allein. Vor seiner Tür stehen drei Silhouetten, drei Männer, einen erkenne ich beim Näherkommen als den Muskelmann-Bruder, unzweifelhaft sind sie erfreut über mein Kommen. Ich muß keine Angst haben, sie sind Teil der Landschaft, meiner Landschaft, ich hab mich mit allen, allem ausgesöhnt... Draußen, vor den undurchdringlichen Grenzen der Landschaft, fährt irgendwas mit Blaulicht vorbei.

Katja... sei stolz auf mich und weine nicht, ich bin dein Held, der sich in eine andere Welt begeben hat, um dort für das Gute und Richtige zu kämpfen. Eines Tages wirst du es verstehen, vielleicht werde ich als wettergegerbter Greis vor deiner Tür stehen, und du wirst auf mich gewartet haben, denn du weißt...

Ich trete näher, die anderen auch. Ein verstohlener Kältehauch läßt meine Nackenhaare stehen. Nein, es ist richtig, hier und sonst nirgendwo bin zu Hause, ich sollte diese drei Freunde, auf die ich so lange gewartet habe, hereinbitten, sicher ist ihnen kalt.